Ilan Pappes wichtiges Buch ist jetzt bei Zweitausendeins auf deutsch erschienen!Ilan Pappe "Die ethnische Säuberung Palästinas". Deutsche Erstausgabe. Deutsch von Ulrike Bischoff. 19 Fotos. 416 Seiten. Fester Einband. 22,00 €.
"Pappe tritt den Beweis an, dass der Gründung seines Heimatlandes Israel eine planvolle ethnische Säuberung vorangegangen ist: Spätestens seit den Jugoslawienkriegen in den 90er Jahren ist dieser (eigentlich verharmlosende) Begriff zum allgemein bekannten Synonym für die zwangsweise, gewaltsame Vertreibung ganzer Völkerschaften aus ihren angestammten Siedlungsgebieten geworden.
Ilan Pappe schildert die Chronologie der Ereignisse in Dörfern und Städten mit quälender Genauigkeit. Er zeigt, dass das Trauma der gewaltsamen und geplanten Vertreibung von beiden Seiten geleugnet wird: Die offizielle israelische Geschichtsschreibung stellt die Vertreibung der arabischen Bevölkerung als freiwilligen Auszug hin, die Palästinenser sprechen von der "Nakba", der Katastrophe, als sei es ein Naturereignis, das sie ereilt hat. Aber sich der historischen Wahrheit zu stellen, ist für Pappe eine moralische Entscheidung, ein erster Schritt, der getan werden muss, wenn die Spirale der Gewalt aufhören und Versöhnung zwischen Palästina und Israel eine Chance haben soll."

Siehe auch:
Die ethnische Säuberung in Palästina
Von Ilan Pappe (Vortrag in Granada, Oktober 2006)
Ergänzung 15.9.2007:
Wie ein Tabu für deutsche Leser: Das Buch und schon der Titel
...„Tihur-zeit“ ist ein Unterkapitel überschrieben. Tihur ist ein hebräisches Wort für Säuberung und bedeutet wörtlich „Reinigung“. Nachdem der jüdische Staat am 14. Mai 1948 ausgerufen worden war, tauchte dieser Begriff oft in den Einsatzbefehlen der jüdischen Armee auf.
Die Mitglieder der Regierung des Jüdischen Staates befassten sich jetzt nicht mehr mit „Dalet“, dem Masterplan der Vertreibung. Denn der Plan Dalet lief ja in den letzten Wochen und Monaten reibungslos und bedurfte kaum noch irgendwelcher Direktiven. Man war jetzt dabei, sich zu beraten über die Frage, ob man ausreichend Soldaten hatte für die Zwei Fronten: Einmal gegen die arabischen Armeen, dann gegen die eine Million Palästinenser, die völkerrechtlich seit dem 15. Mai 1948 israelische Staatsbürger waren.
... Wie brutal das in den Herzen, dem Gedächtnis und den Ohren der Palästinenser klingen muss, was Ben Gurion am 24. Mai 1948 seinem Tagebuch anvertraute, muß man wohl nicht mehr erklären:
„Wir werden einen christlichen Staat im Libanon schaffen, dessen Südgrenze der Litani sein wird. Wir werden Transjordanien brechen, Amman bombardieren und seine Armee vernichten, und dann fällt Syrien. Und wenn Ägypten immer noch weiter kämpft, dann bombardieren wir Port Said, Alexandria und Kairo. Das wird die Vergeltung für das, was sie (die Ägypter, die Aramäer und die Assyrer) unseren Vorfahren in biblischer Zeit angetan haben.“
Ein verstörendes Buch. Es wird wahrscheinlich in ganz wenigen Radiosendern und Zeitungen besprochen werden. Warum? Es könnte, so meinen es viele in den pädagogischen Journalistik-Gremien, falsche Reaktionen und Gefühle hervorbringen, Triumphgeheul der Art: Seht mal, habe ich das nicht immer schon gewusst, die Juden sind wie wir.
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Ergänzung 5.12.2007:
Räumung eines «leeren» Landes
Von Carlos Hanimann
...Das Land war fast leer gewesen. Heisst es. Und die PalästinenserInnen, die noch auf dem Land lebten, zogen freiwillig weg. So zumindest ist die israelische Staatsgründung im Mai 1948 in der zionistischen Geschichtsschreibung überliefert, und so oder ähnlich steht es in den israelischen Schulbüchern. Eine Reihe von israelischen Historiker-Innen begann Anfang der neunziger Jahre die offizielle Geschichtsschreibung Israels zu kritisieren und versuchte, den Gründungsmythos zu revidieren. Zu den sogenannten neuen HistorikerInnen gehört auch der in Haifa geborene und dieses Jahr nach England ausgewanderte Geschichtsprofessor Ilan Pappé. Das Land sei nicht unbewohnt gewesen, und als «freiwillig» könne man die Flucht der PalästinenserInnen schon gar nicht bezeichnen, schreibt Pappé in seinem neusten Buch, «Die ethnische Säuberung Palästinas».
Ilan Pappé will zweifach mit den offiziellen historischen Darstellungen brechen: zum einen mit dem Mythos der angeblich freiwilligen Migration der palästinensischen Bevölkerung, aber auch mit der palästinensischen Version, der «Nakba» (Katastrophe). Es sei kein tragisches Unglück gewesen, was 1947/48 geschehen ist, sondern eine kühl kalkulierte «ethnische Säuberung». Dieser Begriff, der 1992 während des Jugoslawienkriegs zum «Unwort des Jahres» erklärt wurde, ist zwar sehr provokativ und wurde wohl gerade deshalb gewählt. Doch Ilan Pappé zeigt auf, dass der Begriff die Vertreibungspolitik der Zionisten (wie des ersten israelischen Staatspräsidenten David Ben Gurion oder des späteren Friedensnobelpreisträgers Yitzhak Rabin) genau auf den Punkt bringt. Eine ethnische Säuberung ist, so eine gängige Definition, «eine klar umrissene Politik einer bestimmten Personengruppe, eine andere Gruppe aufgrund religiöser, ethnischer oder nationaler Herkunft systematisch aus einem bestimmten Territorium zu eliminieren. Eine solche Politik umfasst Gewalt und geht sehr oft mit Militäroperationen einher.» (Drazen Petrovic im «European Journal of International Law», 1994.) Wer das Buch Pappés liest, könnte meinen, die Definition sei wörtlich den militärischen Anweisungen der israelischen Führung von 1948 entnommen.
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Im Zug mit Ilan Pappé
«Ein gemeinsamer Staat»
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Sie vergleichen Israel mit dem Südafrika der Apartheid?
Ja, und viele Historiker tun das - ich bereite derzeit ein Buch dazu vor, das die beiden Staaten vergleicht. Es braucht eine sehr genaue, tiefgründige Analyse, aber es gibt ganz sicher Ähnlichkeiten.
Wie werden Sie eigentlich in Israel wahrgenommen? Ihren Namen sucht man etwa in der liberalen Zeitung «Ha'aretz» vergeblich.
Da haben Sie recht - und das ist genau der Punkt: Ich wurde in «Ha'aretz» seit sieben Jahren nicht mehr erwähnt. Die israelische Gesellschaft will Ansichten wie meine nicht hören. Und das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Das ist zwar schade, aber ich muss es akzeptieren und kann nur hoffen, dass die nächste Generation offener sein wird.
Wird Ihr Buch in Israel überhaupt gelesen?
In Israel? Nein, nein. Es wurde völlig ignoriert. Aber sonst ist das Buch ein grosser Erfolg, weltweit wurden über 40 000 Exemplare der englischen Version verkauft. Und jetzt wird es in zehn Sprachen übersetzt.
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Wie geht es weiter? Sie sind ja ein Befürworter der Einstaatenlösung.
Ja, aus einem moralischen und einem praktischen Grund. Die Leute leben mittlerweile zu nah beisammen und untereinander, als dass sie zwei unterschiedliche Staaten schaffen könnten. Ein gemeinsamer Staat ist das einzig Richtige, um zu korrigieren, was 1948 falsch gemacht wurde: Es würde den Flüchtlingen erlauben, zurückzukehren. Das Land ist zu klein für zwei Staaten, und ein geteiltes Land hätte zu wenig Platz für die zurückkehrenden Flüchtlinge. Ausserdem ist es die einzige demokratische Lösung für ein Land mit kolonialistischen Siedlern. Niemand hätte zum Beispiel eine Aufteilung Algeriens unterstützt in einen algerischen Teil und einen für die französischen Siedler.
Und eine Zweistaatenlösung ist nicht möglich. Vielleicht war es das ein paar Jahre lang nach 1967, aber nicht mit den heutigen Siedlungen in Palästina. Das sind eingezäunte Gemeinden mit ausgebauter Infrastruktur. Das kann nicht mehr geändert werden. Es muss also ein Weg gefunden werden, der es allen erlaubt, so weiterzuleben. Und wie soll das anders gehen als in einem Staat?
Ergänzung 16.12.2007:
Der »Plan Dalet«
Ein israelischer Historiker über die ethnische Säuberung Palästinas
Von Werner Pirker
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Die Säuberung Palästinas von seinen einheimischen Bewohnern ergab sich zwingend aus der zionistischen Doktrin, der Herstellung eines exklusiv jüdischen Staates. Das »Transferkonzept«, so der Autor, sei von Beginn an »tief im zionistischen politischen Denken verankert« gewesen. Denn die Kolonisierung Palästinas war nicht auf die Ausbeutung der einheimischen Arbeitskraft gerichtet, sondern auf deren Verdrängung. »Unsere Feinde sind die arabischen Bauern«, zitiert der Autor den israelischen Staatsgründer Ben Gurion. Pape verweist auf ein Grundmuster ethnischer Säuberungen: Exakter politischer Planung folgt die »spontane Aktion«, das Massaker.
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Ilan Pape tritt für die volle Wiederherstellung der nationalen Rechte der Palästinenser ein. Das Recht auf Rückkehr betrachtet er als unveräußerlich. Eine an einer gerechten Lösung des Nahostkonflikts orientierte Politik, so seine zentrale These, müsse an der Wurzel des Problems ansetzen. Diese liege nicht in der Besetzung palästinensischer Gebiete im Ergebnis des Sechstagekrieges 1967, sondern in den Gründungsvoraussetzungen des zionistischen Staates. Ohne Überwindung der »Nakba«, der palästinensischen Katastrophe von 1948, könne es keine dauerhafte Friedenslösung geben. In der Zweistaatenlösung sieht der Autor eine für die Palästinenser tödliche Falle, da diese die Logik der gewaltsamen ethnischen Separation für alle Zeiten festschreiben würde. Die nach den Vereinbarungen von Oslo 1993 forcierte jüdische Besiedlung der besetzten Gebiete habe das Wesen dieses Befriedungsversuches bloßgestellt. In der Roadmap für einen Nahostfrieden sei die israelische Position dann »uneingeschränkt übernommen« worden. Nicht minder kritisch beurteilt Pape die Genfer Vereinbarungen zwischen den »Friedenskräften« in Israel und Palästina von 2003. Er schreibt: »So merkwürdig es klingen mag, sicherte die palästinensische Seite bei den Genfer Vereinbarungen die Anerkennung Israels als jüdischen Staat zu und erklärte sich damit bereit, die gleiche Politik zu billigen, die Israel in der Vergangenheit betrieben hat, um die jüdische Majorität um jeden Preis zu erhalten – selbst ethnische Säuberungen. Die »Festung Israel« sei »das größte Hindernis für einen Frieden in Palästina«.
Der israelische Historiker spricht die Frage des Existenzrechtes Israels nicht direkt an. Aus seinen Ausführungen geht aber deutlich hervor, daß er den Staat Israel in seiner zionistischen Existenzform ablehnt. So wie der Apartheid-Staat Südafrika seine Existenz verwirkt hat, wird auch der Zionismus nicht ewig existieren. Darin knüpft Ilan Pape seine Hoffnung, daß einmal »der Frieden in den zerrissenen Ländern Palästina und Israel Fuß fassen« werde.
Ergänzung 17.12.2007:
Das politische Buch (SoZ)
Von Sophia Deeg
...Wenn bis heute alle israelischen Regierungen jedes Gespräch über ein Rückkehrrecht unbedingt verhindern wollen, so steckt laut Pappe "eine tiefsitzende Angst vor einer Debatte über die Ereignisse von 1948" dahinter, "da Israels ‘Behandlung‘ der Palästinenser zwangsläufig beunruhigende Fragen nach der moralischen Legitimität des gesamten zionistischen Projekts aufwerfen würde". Solange diese Debatte nicht geführt wird, sind alle Friedensverhandlungen zum Scheitern verurteilt.
Pappe nennt es "Memorizid an der Nakba", wenn der Jewish National Fund (JNF) dafür sorgt, dass auf den Ruinen palästinensischer Dörfer Wälder und Erholungsgebiete entstehen, zu denen auf Websites und Tafeln am Wegesrand jeweils die kolonialistische Umdeutung von Landschaft und Geschichte mitgeliefert wird. Der Memorizid ist auch heute noch wirksam, wenn die täglichen Bombardierungen des dicht bevölkerten Gazastreifens oder die Ermordung von Terrorverdächtigen, einschließlich der dabei entstehenden "Kollateralschäden" stillschweigend hingenommen werden. Das sind nicht nur "interessante Parallelen", es sind erstaunlich und erschreckend wirksame Mechanismen der Geschichtsklitterung und Mythenbildung, die Fakten schaffen und zementieren helfen — nicht zuletzt die Mauer, ein monströses Bauwerk, das faktisch das Landraub- und Vertreibungsprojekt fortführt, das vor 60 Jahren begann. "Israel", heißt es im Epilog, "hat nie aufgehört, Palästinenser zu töten", als wären sie vogelfrei, ob in Kfar Quassim, wo am 29.Oktober 1959 israelische Truppen 49 Einwohner auf dem Heimweg von den Feldern ermordeten, 1982 in Sabra und Shatila, oder 2002 im Flüchtlingslager Jenin.
Ergänzung 19.3.2008:
"Ethnische Säuberung als Staatsziel"
Interview mit der "National-Zeitung"
National-Zeitung: Herr Professor Pappé, wie erklären Sie sich, dass die Beurteilung Ihres Buches „Die ethnische Säuberung Palästinas“ in der deutschen Presse eher negativ ausgefallen ist?
Prof. Dr. Ilan Pappé: Es überrascht mich nicht, dass es für Journalisten der etablierten Medien sowie Akademiker nach jahrelanger Indoktrinierung durch Darstellungen israelischer Historiker schwierig ist, sich mit einer alternativen Geschichtsschreibung auseinanderzusetzen. Ich denke jedoch, so wie ich es nach der Diskussion mit einem großen Publikum in Deutschland beurteilen kann, dass es eine breite Kluft zwischen der Position der politisch-medialen Elite auf der einen und der breiten Öffentlichkeit auf der anderen Seite gibt. Die große Mehrheit der Deutschen ist sich der israelischen Verbrechen in der Vergangenheit und der Gegenwart bewusst und beginnt sich von der Vorstellung zu befreien, wegen der Verantwortung für den Holocaust Israel nicht kritisieren zu dürfen.
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National-Zeitung: Welchen Anlass gibt es für die Völkergemeinschaft, am 14. Mai 2008 den 60. Jahrestag der einseitigen Unabhängigkeitserklärung der jüdischen Minderheit im britischen Mandatsgebiet Palästina zu feiern?
Prof. Pappé: Das 60. Jubiläum der ethnischen Säuberung Palästinas von 1948 ist das Einzige, woran man jetzt denken sollte. Nur nach einer israelischen Anerkennung dieses Verbrechens und nach einer Rückkehr der Flüchtlinge kann man beginnen, jene israelischen kulturellen und sozialen Errungenschaften zu feiern, von denen es tatsächlich viele gibt.
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National-Zeitung: Sie haben sich öffentlich für eine Einstaatenlösung für den israelisch-palästinensischen Konflikt ausgesprochen. Wie tragfähig ist dieses Modell und unter welchen Bedingungen könnte ein solcher Staat auch für extrem nationalistische Juden in Frage kommen?
Prof. Pappé: Eine Einstaatenlösung gibt es bereits. Das Regime, das ganz Palästina kontrolliert, ist jedoch ungerecht und diskriminierend. Deshalb ist eine neue Verfassung, eine Freiheitsurkunde und Gleichheit für alle notwendig. Weder die politische Rechte noch die Linke in Israel waren bisher bereit, die jüdische Vorherrschaft aufzugeben. Wenn man aber Israels politische Führer, wie im Falle des ehemaligen Apartheidstaates Südafrika, durch internationalen Druck davon überzeugen würde, dass das gegenwärtige Israel nicht Teil der Gemeinschaft zivilisierter Völker sein kann, dann würde das israelische Volk einsichtig genug sein. Es würde die Wirklichkeit akzeptieren, weil diese nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für sie selbst besser wäre.
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